Los ging es richtig früh. 8 Uhr war der Treffpunkt am Maidan. Bis dahin laufen wir ca. 25 Minuten. Frühstücken im Hostel war nicht, weil das Cafe um die Uhrzeit noch geschlossen hatte. Am Maidan hatten aber die vielen Kaffebuden schon offen, da gab es Frühstück und Kaffee!

Vor Ort wurden wir noch kontrolliert, ob die Namen und die Passnummern übereinstimmen und dann ging es los. Von Kiev fährt man ca. 2 Stunden, dann ist man an der 40 KM-Zone, bei der die nächste Überprüfung der Pässe stattfinden wird. Unser Tourguide heißt Nadia und spricht gut Englisch, also kann nichts mehr schiefgehen. Wir sind eine Gruppe von ca. 20 Personen. Also zwei Stunden zeit, noch mal einen Powernap zu halten.

Am Ditjatki KPP ist der Eingang zur 40 KM-Zone. Dort wurden noch einmal die Pässe von einem bewaffneten Beamten kontrolliert. Nadia erzählte, dass die Angestellten dort viel zu viele sind. In der Station sind wohl drei, die Arbeiten: Einer kontrolliert die IDs, einer tippt sie in den Computer ein und einer trägt die Bestätigung zurück. Bürokratie.

Rein ging es in die Zone. Nadia hat Ihren Geigerzähler gezückt. In Kiev am Maidan hatten wir einen Wert von 0,13 µSv/h. Je weiter wir fuhren, desto höher wuchs der Wert. Nichts was bedrohlich ist, aber trotzdem ein erst mal ungutes Gefühl.

Vom Bundesamt für Strahlenschutz:

Sievert
1 Sievert = 1 000 Millisievert (mSv) = 1 000 000 Mikrosievert (µSv).
Die gesamte natürliche Strahlenbelastung in Deutschland […] beträgt durchschnittlich 2.1 Millisievert im Jahr.

Auf der Straße haben wir angehalten und sind in die ersten verlassenen Häuser gegangen. Vieles war natürlich geplündert, aber einiges lag auch herum. Puppen und Waschmittel zum Beispiel. Und es ist sehr interessant zu sehen, wie die Natur sich Ihr Gebiet zurückholt.

In einer alten Schule sah man dann, wie schnell die Leute evakuiert wurden. Es lagen noch Schulunterlagen, Kleidung, Puppen, Notenblätter und alte Bücher rum.

Es gibt Strahlungs-Hot Spots, die sind mit einem Radioaktiv-Schild gekennzeichnet. Wenn man dort den Geigerzähler an den Boden hält, dann steigt die Strahlenbelastung extrem an. An der Schule waren es 11 µSv (leider ein bisschen verschwommen, das ist das Bild unten), im Wald waren es auch mal 65 µSv. Da kommt dann der knackende Warnton eines Geigerzählers richtig zur Geltung.

Weiter ging es in die Stadt Tschernobyl. Straßenhunde. VIELE Straßenhunde. Die leben da. Und ich behaupte, die leben da gar nicht so schlecht. Nicht zu viele Menschen, die sie nerven, aber füttern. Nadia nannte einige Hunde beim Namen und es gab immer Gebäck für die Hunde zum essen.

Im Übrigen ist die ukrainische Transkription für die Stadt TschOrnobyl (auf dem Schild unten). Damals gehörte das Gebiet zur UdSSR und die russische Schreibweise ist TschErnobyl.

An der Hauptkreuzung in der Stadt gibt es eine Statue, die einen Engel mit Trompete darstellt. Es gibt wohl eine biblische „vorhersage“ der Katastrophe:

Die Nuklearkatastrophe wird auch mit der biblischen Offenbarung in Verbindung gebracht: Der Name ukrainisch Чорнобиль, deutsch ‚Tschornobyl‘ bezeichnet die Pflanzenart Artemisia vulgaris (Beifuß), die gelegentlich mit dem Wermutkraut (Artemisia absinthium) verwechselt wird. In der Offenbarung des Johannes steht: „Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel […] Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.“

Hinter dem Engel sind Schilder mit Namen. Das sind die Namen aller derer, die aus der Stadt evakuiert werden mussten. Im Moment leben noch 500 Ständige in der Stadt, die entweder nicht gehen wollten, oder zurückgekommen sind. Zusätzlich sind es 5000 Arbeiter, die in der Stadt leben. Die arbeiten 14 Tage am Kraftwerk und haben dann 14 Tage frei. In der Stadt selber gibt es zwei Hotels, man kann also auch in der Zone übernachten, respektive gibt es auch Touren, die über zwei oder drei Tage gehen.

Die ersten Personen, die nach der Katastrophe am Reaktor gearbeitet hatten, sind die Liquidatoren gewesen. Feuerwehrleute, Soldaten, die auf dem explodierten Reaktordach Schutt entfernen mussten. Denen wurde ein Denkmal gewidmet. Auf dem Denkmal steht: тим хто врятував світ. Diejenigen, die die Welt gerettet haben. Ein bisschen Gänsehaut. Weil es stimmt. Lest mal Wikipedia, das ist heftig.

Im Hotel Десятка (dutzend) haben wir zu Mittag gegessen. Kartoffeln, Salat und irgendein Fleisch. Alles an Essen, was es in der Zone gibt, wird von außerhalb der Zone importiert. Die Arbeiter, die hier wohnen bekommen Ihr Essen gestellt, dazu gibt es mehrere Kantinen. Danach ging es weiter zum Reaktor. Der alte Sarkopharg ist mit den Jahren löchrig geworden und so wurde mit Hilfe der EU ein neuer gebaut. Dieser ist seit 2015 über den Reaktor gefahren und hält so die Strahlung wieder zurück, so dass direkt am Reaktor außerhalb des Stahlsarges „nur“ eine Strahlung von 0,63 µSv/h ist. Er scheint zu tun, was er soll.

Wir hielten uns nur kurz dort auf und fuhren weiter nach Prypjat. Zwischendurch haben wir noch gehalten und uns den Hotspot mit den 64 µSv/h „angesehen“, der ist links des Pypjat-Schildes – falls mal jemand da ist.

Prypjat, 1970 gegründet, war eine Planstadt, die hauptsächlich für die Arbeiter des Kraftwerkes und deren Angehörige gebaut wurde. Zum Zeitpunkt der Evakuierung lebten ca. 50.000 Menschen dort. Heute ist es eine Geisterstadt. Eine Plattenbauten-Geisterstadt. Heftig. Am Cafe sind wir losgelaufen, zum verlassenen Flusshafen durch die Gebäude über das Stadion, die Stadtmitte, am Krankenhaus, der Musikschule und dem Vergnügungspark vorbei wieder zum Auto. Insgesamt 1,5 Stunden zu Fuß.


 
Nadia hat uns immer wieder Bilder gezeigt, die das gebaute aus der Sicht von früher und von heute Zeigen. Zum Beispiel das Stadion:

Sie erzählte uns, dass es in der Zone auch Menschen gibt, die sich dort illegal aufhalten. Die machen quasi Ihren Sommerurlaub, indem sie mit Ihrem Rucksack für mehrere Tage/Wochen in der Zone umherwandern. Die nennt man Stalker. Also ich Nachfragte, ob Sie wirklich Stalker gesagt habe, meinte Sie, dass die nach dem Computerspiel S.T.A.L.K.E.R. benannt wurden. Lustig!

Danach ging es zur Duga 3-Anlage. Die war Teil eines Überhorizont-Radars zur Raketenabwehr der Sowjetunion. Wieder eine Passkontrolle, wieder ein Einlasspunkt.

Jetzt wurde es langsam dunkel. Nadia fragte, ob wir den normalen Weg oder den „crazy“ weg zurück nehmen wollen. Ha! Natürlich den abenteuerlichen Weg. Also gingen wir durch die Stadt Tschernobyl-2. Die wurde extra für die Menschen gebaut, die bei der Anlage gearbeitet haben. Das war eine streng geheime Stadt, die offiziell gar nicht existiert hat. Falls die Arbeiter gefragt wurden, wo Sie herkommen, konnten Sie sagen: Tschernobyl. Gar nicht schlecht.

Im dunklen durch die verlassenen Ruinen, Häuser und Spielplätze hat noch mal was ganz anderes, als so tagsüber. Leider ging hier jetzt auch so langsam mein Akku zu Ende. Überall hängt Propaganda, sehr cool.

Auf dem Rückweg mussten wir noch mal an den ganzen Checkpoints vorbei. Wieder eine Kontrolle, ob auch alle mit rausgehen. Diesmal mussten wir durch einen Strahlentester.

Einmal an der 10 KM-Zone und einmal an der 40 KM-Zone. Dort wird geprüft, ob die Kleidung irgendwie verstrahlt ist. Man stellt sich rein, hält die Hände an den Sensor, dann macht es klack und man kann durch. Oder auch nicht. Ich habe Nadia gefragt, ob Sie es schon einmal hatte, dass jemand nicht durchkam. Das kam bei Ihr bisher nur einmal vor. Da waren die Schuhe wohl kontaminiert, die mussten dann zur Dekontamination und dann ging es weiter. Allerdings sind die Tourguides für alles verantwortlich, was die Touristen hier machen. Wenn also sowas vorkommt, dann ist das sehr viel Schreibaufwand für sie. Deswegen wurde auch überall und immer durchgezählt und kontrolliert, ob noch alle da sind.

Nach jetzt fast 9 Stunden in der Zone fuhren wir zurück. Im Auto sind fast alle, auch Nadia, eingeschlafen. Eine sehr interessante und empfehlenswerte Erfahrung. Es gibt natürlich noch mehr Bilder, nämlich hier:

Bilder aus Tschernobyl und Prypjat